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Trauer, Eros und Sexualität

Dieser Essay, geschrieben in der Form eines Interviews, ist inspiriert von Fragen von Cloé Cettraz. Eine Vorbereitung, auf eine Podcast Folge über die Verbindung von Trauerarbeit und Sexualität/Eros als Ausdrucksformen von Lebendigkeit in Zeiten von Transformation. Ich beziehe mich in diesem Essay immer wieder auf die Arbeit von Janna Schneewitta Rehbein, Mentorin für Trauerarbeit, die vieles von dem hier gesagten mit inspiriert und angestoßen hat. Für mehr Infos zu Cloés und Jannas Arbeit findest du unten weiterführende Links zu deren Website. 

 

Wie definierst du Eros und was ist Trauerarbeit? 

Eros hat für mich etwas mit Begehren, Verlangen und mit Sehnsucht zu tun. Eros beschreibt für mich eine Kraft, die eine tiefe sinnlich-emotionale Empfindungsebene berührt, die sich über den Leib äußern und in Ausdruck kommen möchte. 

In der griechischen Mythologie bedeutet „Eros“ der Gott der begehrlichen Liebei. Eine Form, wie sich „begehrliche Liebe“ ausdrücken kann, ist in zwischenmenschlichen Beziehungen, über körperliche Zuneigung, Erotik und Sexualität. Wenn wir Eros jedoch lediglich als das erotisch, sinnliche und sexuelle Verlangen nach einem anderen Menschen oder (einem) anderen Körper/n verstehen, ist das für mich eine sehr eingeschränkte Definition. Was ist zum Beispiel, wenn wir den leiblich begehrenden Impuls entkoppeln von einer anderen Person? Sigmund Freud beschreibt Eros als den Lebenstriebii. Das Verlangen nach Leben und Lebendigkeit, kann sich ganz unterschiedlich zeigen und ausdrücken. Ich denke zum Beispiel an Ecosex-praktiken: Sich zu spüren im sinnlichen Kontakt mit der Natur. Sich mit dem Lebensstrom verbinden, der durch uns fließt, genau wie durch Pflanzen, Tiere, Insekten, Mineralien, Elemente. Sich tief einlassen auf den Organismus Erde, der uns trägt und von dem wir Teil sind. 

Natürlich gibt es noch zahlreiche andere Möglichkeiten, wie Eros erlebt und ausgedrückt werden kann. So einzigartig Menschen in ihren Strukturen sind, so unterschiedlich kann sich die Lebensenergie durch sie ausdrücken und befeuert werden. Natur, Kunst, Essen, Kochen, Tanzen, Musik, die eigene anregende Fantasie, alleine, mit einer anderen Person oder mit vielen anderen Menschen… 

Für mich ist Eros eine Lebenskraft, ein pulsierender Strom, der in uns lebt. Eros macht uns wach, bringt uns mit unserem Körper in Verbindung und führt uns in Kontakt mit der Welt. Ein Tor zu unserem lebendigen leiblichen (in der Welt-) Sein. 

Trauerarbeit, wie ich sie verstehe und kennengelernt habe, gibt uns die Möglichkeit mit den Gefühlen und Emotionen in Verbindung zu kommen, die mit einem Verlust zu tun haben. Trauerarbeit, in meinem Verständnis, kann etwas mit dem Verlust oder dem Tod von nahestehenden geliebten Menschen zu tun haben, kann sich aber auch auf Verluste ganz anderer Art beziehen. Es kann sein, dass sich intime Beziehungen verändern, die Trennung einer Lebenspartner*In, Freund*innenschaften, Verabschiedung von Orten, die mir wichtig waren, auseinandergehende Gemeinschaften, Lebensprojekte, Berufung und Lebensaufgabe oder Kinder, die erwachsen werden. Es kann sich auf das Artensterben beziehen, das was in der Welt vorgeht, die Geschehnisse von Krieg und Zerstörung.

Trauerarbeit in diesem Zusammenhang bedeutet, die Auseinandersetzung und den Ausdruck der Gefühle und Emotionen, die als Antwort auf den Verlust entstehen. Trauerarbeit gibt die Möglichkeit mit diesen Gefühlen in Verbindung zu kommen, sofern es einen Raum gibt, der sich sicher und gehalten genug anfühlt, um diese zu erlauben.

Oftmals geben wir uns selbst nicht den Raum für diese tiefsitzenden Gefühle, oder die sozialen Strukturen in denen wir leben, lassen es nicht zu. Noch weniger erlauben es unsere kapitalistischen Gesellschaftsstrukturen, die vor allem auch auf Wachstum und Funktionieren ausgerichtet sind und somit einen entscheidenen Aspekt vom Leben ausklammern: Das Sterben, das Scheitern, der Zerfall, der Umgang mit Tod, als unumgänglicher Teil des sich ständig erneuernden Lebens und alles was damit an emotionalen Erleben einhergeht. Dahingehend bedeutet Trauerarbeit für mich auch neue soziale Strukturen aufzubauen, die sich ausserhalb unserer gewohnten Lebensmuster befinden. Es bedeutet für mich einen sozialen Raum schaffen, für das, was sich wirklich tief in unserem Inneren in Bezug auf unser weltliches Dasein bewegt. Ein ritueller und klar gesetzter Rahmen, der sich von unserem alltäglichen Geschehen abgrenzt, kann dazu sehr unterstützend sein. 

Denn was passiert, wenn wir diese Räume nicht haben? Diese tiefsitzenden Gefühle bleiben in uns stecken, sie kommen nicht ins Fließen und damit binden sie viel unserer Lebensenergie. Es raubt uns Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit, die wir vielleicht brauchen, um unsere Aufgaben zu bewältigen und mit dem, was uns im Außen begegnet wirklich präsent zu sein. Wenn wir mit diesen Gefühlen der Trauer in Kontakt kommen können, diese durchfließen dürfen, schafft das wiederum Platz für Neues, es unterstützt uns in unserem lebendigen Dasein.

 

Was genau ist diese Verbindung von Trauer und Eros und inwiefern beeinflussen sich diese beiden Aspekte in unserer emotionalen und körperlichen Erfahrung?

Aus meiner Erfahrung und Forschung heraus, würde ich sagen, dass diese beiden Aspekte als profunde somatische Erfahrung aus „dem selben Stoff“ sind, sie stammen aus derselben „Energie“. Das hat für mich etwas mit Hingabe an das Leben zu tun: 

Wenn ich trauere, dann lasse ich etwas von dem zu, was mein Wesen im Urgrund berührt. Wir haben schon gesagt, dass die Trauer immer eine Antwort auf einen Verlust darstellt. Was erzählt mir wiederum der Verlust? Der Verlust gibt mir Auskunft darüber, was ich liebe und was in meinem Leben einen bedeutenden Wert hat. Wir betrauern das, was uns wichtig war und was wir mit ganzem Herzen geliebt haben. Lassen wir diesen transformativen somatischen Vorgang der Trauer durch uns geschehen, treten wir ein in einen lebendigen Austausch mit dem Leben. Wir begegnen dem Leben in seiner Tiefe, dort wo es sich unaufhörlich verändert. Im tibetischen Buddhismus wird in diesem Zusammenhang von “Impermanence“ gesprochen, dass „alle zeitlichen Dinge, ob materiell oder geistig, zusammengesetzte Objekte in einem ständigen Wandel ihres Zustands sind, die dem Verfall und der Zerstörung unterliegen.“iii

Wenn wir es schaffen, trotz allem Sterben, allem Zerfall, allem schmerzhaften Wandel weiter zu lieben, dann ist dieser kraftvolle Akt des Weiterliebens, eine Liebeserklärung an das Leben in sich… Diese tiefe Hingabe an das Leben kann sich wiederum sehr erotisierend anfühlen. Wenn wir uns unseren Gefühlen und tiefen Emotionen ganz hingeben, uns hinein sinken lassen, in den Schmerz, dass wir das was wir so geliebt haben und nun verloren haben, kann es sein, dass in dieser Hingabe wiederum ein (erotischer) Liebes- und Lebensstrom freigesetzt wird. Das kann sich ganz fein und subtil anfühlen oder aber auch kraftvoll und ekstatisch. Dort, in der Trauer finden wir ihn also wieder diesen lebendigem Lebensstrom, den wir weiter oben schon in Verbindung mit Eros beschrieben haben.

Auch Eros fließt in einem Akt von tiefer Hingabe. Was spürst du, wenn du mit deiner Erotik und Sexualität verbunden bist? …Herzklopfen, Wärme, vielleicht Schwitzen, die Zellen fangen an zu vibrieren und zu tanzen… Was passiert, wenn du dich diesem Strom hingibst? Ein Baden in lebendigen Gefühlen. In diesem erotischen Strom, erleben wir oftmals Zugänge zu unseren Gefühlen und Emotionen, die vielleicht verschüttet waren und die wir in unserem Alltag nicht so einfach spüren und zulassen können. Ein wilder Mix aus Gefühlen, kann an die Oberfläche kommen und ins Fließen geraten. Das kann auch Unsicherheiten und Ängste hervorrufen. Durch die hohe erotische Energie können Themen aus den unteren Schichten hervorkommen, die wir vielleicht vergessen haben oder gar nicht wussten, dass es sie gibt. Nicht selten berühren wir darin auch Punkte von Trauer und Schmerz. So begegnen sich Trauer und Eros, sie vermischen sich und tanzen miteinander. Das meine ich, wenn ich sage, dass Trauer und Eros aus „demselben Stoff“ sind. 

Wir können uns diesem „Stoff“ annähern durch unterschiedliche Zugänge: 

In meiner Arbeit als Sexological Bodyworker* ist mir aufgefallen, dass wenn wir mit erotischer oder sexueller Energie arbeiten (zum Beispiel auch mit verschieden Methoden Genitalmapping, Pleasure mapping oder aktivierenden Massagen), wir dadurch auch an unsere Gefühle und und tieferen emotionalen Schichten kommen. Nicht allzu selten sind diese stark miteinander verbunden: Je mehr wir mit Lust, Ekstase und unserer sexuellen Kraft in Verbindung treten, desto mehr werden wir auch mit den Stellen in Kontakt kommen, die uns daran hindern, uns ekstatisch und lebendig zu fühlen. Das kann schmerzhaft sein. Wenn wir diese auch vielleicht herausfordernden, schmerzhaften Gefühle zulassen und erlauben, können dadurch wiederum Zugänge zu frei(er) gelebter erotisch-lebendiger Energie entstehen. 

Es ist eine verflochtenen Verbindung: Die erotische Kraft und der Schmerz, lebendige Ekstase und fließende Trauer, Leben und sterben, Eros und Grief. Leben in ständigen Wellenbewegung. Die Frage, die sich mir hier stellt, wie haben wir es gelernt – kulturell und gesellschaftlich – mit diesen Wellenbewegungen zu fließen; sie zu reiten, anstelle sie einzudämmen und zu kontrollieren? 

 

Wie kann die Auseinandersetzung mit Trauer als eine Ausdrucksform von Eros betrachtet werden? In wieweit ist Trauerarbeit bedeutsam in der Entfaltung unserer Lebenskraft?

Trauer zeigt uns, was wir lieben und was uns wichtig ist. Indem wir der Trauer voll und ganz Ausdruck verleihen, erlauben wir uns verletzlich zu sein. Wir machen uns sichtbar, mit dem, wer wir in unserer Essenz sind und was uns ausmacht. Für mich ist Trauerarbeit auch eine Art Liebeserklärung an das Leben. Genau wie Eros. Wenn ich in der Natur bin und zuschaue wie eine Schnecke über einen feuchten Moosboden wandert und dort langsam in den feinsten Bewegungen ihre Schleimspur hinterlässt, wenn ich mich an einen Baum lehne und mich hingebe, in das getragen sein der Natur, den Wind, die Blätter um mich herum spüre, dann ist das für mich Eros und ebenfalls eine Liebeserklärung an das Leben. 

Wenn ich also meine Trauer zu lasse und sie dem Leben zeige, dann stelle ich mich hin für das Leben. Ich mache mich verfügbar, stelle mich in den Dienst für das Leben. Wenn ich meine Trauer verstecke, mich zurückhalte in meinen Gefühlen und emotionalen erleben, dann halte ich auch etwas von meiner Lebenskraft zurück. Je mehr ich mir erlaube den Verlust, der mir in meinem Leben widerfährt, zu betrauern, desto mehr komme ich dem Nahe, was ich liebe und was mir wichtig ist. Das ist für mich ein Ausdruck von Lebenskraft: Mich mit ganzen Herzen in die Welt zu stellen und dafür einzustehen, was ich liebe und was mir wichtig ist. 

 

Gibt es somatische Übungen, oder kreativen Ausdrucksformen die du empfehlen würdest, um Trauer zu verarbeiten und Eros zu kultivieren? Wie können Menschen diese beiden Aspekte in ihrem Leben miteinander in Einklang bringen?

Es gibt sicherlich viele somatische Übungen und zahlreiche Formen mit Eros oder mit Trauer in Verbindung zu kommen. Ich kann davon erzählen, was mir auf meinem Weg begegnet ist und was ich kennengelernt habe, wissend, das ist unvollständig und sicherlich gibt es tausend andere Menschen, die sich damit beschäftigen und ihre eigenen Wege und Zugänge damit finden. 

Wie schon erwähnt, habe ich mich in den letzten Jahren viel mit der Methode von Sexological Bodywork beschäftigt. Das ist eine Methode, die Menschen darin unterstützt in ihre erotisch sexuelle Selbstbestimmtheit zu kommen. Es gibt es viele somatische Übungen um die eigene erotisch-sexuelle Kraft ganz mit sich oder mit Unterstützung einer anderen Person zu erkunden. Ich bin sehr dankbar über diese Arbeit, weil ich denke, dass wir in der Beschäftigung mit der eigenen Sexualität ein großes Mysterium öffnen, dass uns soviel über uns, unsere Biographie, über unsere persönlichen und kollektiven Strukturen erzählen kann. Unsere persönlichen Strukturen haben immer auch etwas damit zu tun, in welchen Kontexten wir uns bewegen. In welchen familiären, institutionellen, gesellschaftlichen Systemen sind wir groß geworden? Wie haben wir Sexualität gelernt, welche Muster sind dadurch in unsere Körper eingeschrieben und wie können wir diese Erfahrungen für uns und unseren eigenen selbstbestimmten Ausdruck umschreiben? Das ist ein lebenslanges Lernen. Tanzen, spüren, Sessions nehmen, Körperarbeit, für sich oder in Gemeinschaft, das kann alles helfen und unterstützen und so viel wie es Menschen gibt, so viel gibt es auch Wege das zu tun, zu üben und zu kultivieren. 

In der Trauerarbeit habe ich in den letzten Jahren vor allem mit dem Format des Trauerfeuers gearbeitet. Von einer langjährigen Freundin – Janna Schneewitta Rehbein – die sich seid Jahren mit dieser Arbeit beschäftigt und dazu Ritual räume kreiert. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, das Trauern in Gemeinschaft zu üben und so neue soziale Technologien zu erlernen, um dem, was in der Welt passiert mit Resilienz und in Präsenz zu begegnen. Es wird ein dichtes Netz gesponnen mit den Menschen, mit der Natur, den Bäumen, den Tieren und Steinen, mit all dem was uns hält und trägt, so dass wir uns gehalten fühlen, dass wenn Trauer kommt, diese gut landen kann. Der Aspekt von Sicherheit und Vertrauen spielt hier eine entscheidende Rolle. In unseren alltäglichen Strukturen haben wir oft nicht dieses sicherer Netz, dass uns hält, wenn wir mit tieferer Trauer zu tun haben. Weder haben wir diese sozialen Strukturen, die uns tragen können, immer zugänglich, noch haben wir sie von früh auf gelernt. Viel mehr haben wir gelernt unsere Gefühle zu verstecken. Da gibt es genügend Glaubenssätze, die wir hier anfügen können: „Beruhig dich, Hör auf zu weinen, Männer weinen nicht (auch interessant Trauer in Bezug auf das Thema Gender), Sei nett, lächle doch mal.. etc.) Auch das ist ein Weg, ein Üben, sich von diesen Glaubenssätzen zu lösen und sich das ganze Spektrum von wer wir sind, zu erlauben. 

 

Wie kann Eros als transformative Kraft wirken, insbesondere in Bezug auf die Verarbeitung von Verlust und Trauer?

Vielleicht hast du schon davon gehört dass häufig bei Beerdigungen oder Trauerfällen Menschen viel Sex haben oder gar neues Leben gezeugt wird. 

In einem Artikel in der Zeit über das Thema Trauer und Sexualität sagt Trauerbegleiterin Peggy Steinhauser: Ein Verlusterlebnis ist sehr verunsichernd. Vieles ist auf einmal anders und neu – auch die eigenen Gefühlsregungen. Manche reagieren auf den Verlust eines geliebten Menschen fast apathisch. Andere werden wütend, mitunter auch auf die Toten. Es kommt auch vor, dass jemand ganz aufgekratzt oder euphorisch ist. Manchmal entwickeln sich eben auch ganz intensive Körpergefühle.“iv

Wenn wir mit einem Verlust zu tun haben, sind wir mit starke Emotionen konfrontiert. Wenn wir nicht gelernt haben, mit diesen umzugehen, können diese auch überwältigend sein. Im ungünstigeren Falle, kann Verlust uns auch ohnmächtig oder taub fühlen lassen. Uns geschieht etwas, was wir nicht in der Hand haben. Das Annehmen, dass das Leben auch chaotisch, unberechenbar und anarchisch ist, mag uns nicht immer leicht fallen. Immer wieder denken wir vielleicht, wir könnten das Leben kontrollieren, bis wir eines anderen belehrt werden. Jedoch gibt es gibt Kräfte und Verhältnisse in denen wir uns bewegen, die weit größer sind, als das was wir mit unserer eingeschränkten Ich-Identifikation wahrnehmen: Systeme und Strukturen, in denen wir uns aufhalten, unbekannte Welten um uns herum, planetarische Konstellationen oder ferne Galaxien. Was davon hat alles Einfluss auf unser Leben und unser Empfinden, ohne das wir es bewusst mitbekommen? Da ist es doch ziemlich unverhältnismäßig zu denken, dass wir das Leben in all seinen Verläufen und Bahnen, steuern und kontrollieren könnten. In der patriarchalen Kultur haben wir dies allerdings über tausende Jahre versucht. Die aufwühlenden und aufrüttelnden Prozesse, die sich in der Welt gerade zeigen, sind für mich ein Ausdruck von einer sich verändernden Zeit und dass die bisherigen Systeme nicht mehr weiter funktionieren. 

Wer weiß was morgen passiert, was in der nächsten Stunde, Sekunde passiert? Das leben bietet uns da genug erschreckende, schmerzhafte sowie schöne, erhellende Beispiele für seine Unberechenbarkeit und Unkontrollierbarkeit. Manchmal können wir uns dem einfach nur ohnmächtig hingeben. Was eben auch immer wieder schmerzhaft, überwältigend oder einfach „zu viel“ sein kann. Dass hier Menschen mit einander ins Bett gehen, Nähe, Intimität und Halt in der Sexualität suchen, oder weiteres Leben zeugen, ist für mich nicht verwunderlich: Trotz aller Unberechenbarkeit, trotz allem Schmerz, trotz dieses überwältigenden Mysteriums, dessen wir uns Tag für Tag mit der Entscheidung für das Leben aussetzen, gibt es einen Funken in uns, der lebendig pulsiert und weiter leben will. Ein Funke, der für das Leben geht. Wir möchten uns anbinden an diesen pulsierenden Lebensstrom. Eros, der Lebenstrieb. Wenn wir in Momenten von Trauer, Verlust und überwältigt sein, uns diese Kraft bewusst machen, dann kann das eine große Ressource für uns sein, um weiterzugehen und in unserer Lebendigkeit zu bleiben. Trotz allem Schmerz machen wir weiter. Wir atmen, leben und lieben weiter.

 

Welche Rolle spielt die Akzeptanz von Eros und Trauer für den Prozess des Loslassens und der Annahme des gegenwärtigen Moments?

Akzeptanz und Annahme sind für mich die Grundlage, damit wir überhaupt authentische Zugänge freilegen können zu unserem Eros oder zu unserer Trauer. Wir brauchen das Gefühl von Sicherheit in den Strukturen, in denen wir uns bewegen, ansonsten kann diese Lebenskraft nicht frei fließen. Mit Trauer und Eros arbeiten wir mit Kräften, die größer sind als wir selbst und die sich unserer bewussten Kontrolle an vielen Stellen entziehen. Manchmal folgen diese starken Lebensströme ihrer ganz eigenen Logik, mal wie ein kleiner leicht plätschender Bach und dann wider wie ein wie ein reißender Fluss. In Momenten, wo wir es nicht erwarten, kann es uns überkommen und uns einnehmen. Die Frage ist, ob wir Gefäße und soziale Strukturen haben, wo diese oft auch chaotischen Lebensströme ihrer ganz eigenen Logik folgen dürfen und damit „ihre Arbeit“ machen können. Annahme spielt also ein große Rolle und sie hat ganz viel damit zu tun, ob wir uns willkommen und sicher fühlen. Wenn das der Fall ist, kann sich das System entspannen. Das Gefühl darf landen, dass ich so sein darf, wie ich bin. Diese Entspannung ist Grundvorraussetzung damit etwas ins Fließen und in die Öffnung kommen kann. Je mehr es uns gelingt, als Menschen gemeinsam unterstützende Gefäße und Container des Vertrauens aufzubauen, desto mehr können wir diese tieferen Schichten von Lebendigkeit zulassen und Transformation, so wie sie in uns stattfinden möchte, erlauben. Das sind für mich die sozialen Technologien, die es für unsere kommende Zeit braucht.

 

Inwiefern kann die Integration von Trauer und die Entfaltung von Eros durch Gemeinschaft und soziale Verbindungen unterstützt und vertieft werden?

Für mich beinhaltet die Arbeit mit Trauer oder Eros/Sexualität auch immer eine politisch gesellschaftliche Ebene. In welchen gesellschaftlichen Strukturen sind wir aufgewachsen und was haben wir dadurch über Trauer und Sexualität gelernt? Das Gefühl das wir zu viel sind, wenn wir todtraurig oder so wütend sind, dass wir alles um uns herum zerstören könnten, ist tief in unseren Systemen verankert. Genauso verhält es sich mit der Sexualität. In unserem Kulturkontext haben wir gelernt, dass Sexualität etwas ist, dass heimlich passiert, vielleicht im Schlafzimmer der Eltern, dass man aufpassen muss, wo und mit wem und wie man darüber spricht usw. Das wir bedingungslose Annahme in Bezug auf unser sexuelles Wesen erfahren, kommt in unseren gesellschaftlichen Strukturen sicherlich reichlich wenig vor. Trauer und Sexualität berührt etwas was unsere Essenz betrifft, unsere kreative Natur, unser verletzliches und pures Sein. Was braucht es für dieses verletzliche Sein? 

Empfindungsfähige soziale Strukturen und vertrauensvolle Verbindungen können uns nicht nur darin unterstützen Zugang zu unserer Trauer und zu unserem Eros zu kommen, wir brauchen diese, damit diese Arbeit überhaupt geschehen kann. Die Arbeit mit Trauer und Sexualität braucht Kontakt, Verbindung und Beziehung. Ohne eine gehaltene Präsenz und einen sozialen Container, der diese tieferen Vorgänge mithält und trägt, kann das was wir erleben, nicht wirklich landen und hat keinen realen Boden, kann sogar an Stellen auch kontraproduktiv sein.

Das ist wo Gemeinschaft ein Rolle spielt. Wie können wir unser menschliches Miteinander zusammen gestalten und kultivieren, dass es unserem Wachstum dient? Wie können wir wirkliche Präsenz füreinander aufbringen, Kontakt und Beziehungsfähigkeit dort üben, wo wir sonst gelernt haben, aus dem Kontakt zu gehen? 

Damit wir uns frei fühlen können, in unserem Ausdruck und in unserer Lebendigkeit, brauchen wir als Menschen gemeinschaftliche und sozial tragfähige Strukturen, die eine neue Information beinhalten. Eine Information, dass du darfst… dass du angenommen, gewollt, geliebt und wertgeschätzt bist, für das, was du bist. Dass du als Mensch, hier in dieser Welt grundsätzlich willkommen bist. Das sind die sozialen Netzwerke, die es meiner Meinung nach braucht und die können in ihrer Ausgestaltung ganz unterschiedlich aussehen. In Gemeinschaftskontexten, in temporären Containern, Workshops, intimen Beziehungsstrukturen etc. Ich spreche in diesem Zusammenhang oft davon, „gemeinschaftliche Substanz“ zu generieren, die es uns erlaubt mit unserem Wesen und dem, was uns in unserer Essenz ausmacht, ganz da sein dürfen.

 

Wie beeinflusst diese Forschung deine Arbeit als Sexological Bodyworker?

In meiner Arbeit als Sexological Bodyworker habe ich immer wieder festgestellt, dass wenn Menschen sich mit Themen rund um Sexualität beschäftigen, sprich sich diesem erotischen Lebensstrom annähern, früher oder später Punkte von Schmerz und Trauer berührt werden. Je mehr ich dies beobachten konnte, desto mehr Sinn machte das für mich: Wenn wir uns lebendig und kraftvoll fühlen wollen, begegnen wir auch dem, was uns daran hindert. Dann können Themen kommen, die den eigenen persönlichen Lebensweg betreffen, auch innerhalb der systemischen Kontexte, die wir im Laufe unserer Biographie durchwandern. Elternhaus, Umfeld, Freund*Innenkreis, Institutionen, Schule, Gesellschaft, etc. das alles prägt uns und hat Einfluss darauf, was uns in Bezug auf unseren Ausdruck von Lebendigkeit möglich ist und wie wir in der Welt anwesend sind. 

In der Auseinandersetzung mit Trauerarbeit habe ich gemerkt, dass sich mein innerer Raum weitet, auch für diese größeren strukturellen Ebenen Platz zu schaffen. Das bedeutet, dass wenn ich Menschen anschaue, dann sehe ich nicht nur die Menschen in ihren persönlichen Themen, sondern auch Themen, die unsere Gesellschaft und unsere Welt betreffen. Damit verbunden sind für mich strukturelle Probleme, Macht, Privilegien, Herrschaftssysteme, die immer auch Trauer und Schmerz mit sich bringen.

Eine Sessionraum gestalten bedeutet für mich ein Vertrauensgefäß aufbauen, wo all das auch Platz haben darf. Je mehr Weite und Platz es gibt, desto mehr kann ins Fließen kommen, ganz im Sinne für den eigenen Ausdruck von Lebendigkeit. In unserer sexuellen Kraft liegt soviel kreatives Potential, soviel Schöpferkraft, soviel Lebendigkeit und Freude. Auch das wurde und wird so oft zensiert und strukturell unterdrückt. Wenn wir uns diese Zugänge zu unserem Potential wieder frei schaffen wollen, dann bedeutet es auch etwas von dem Schmerz zu zu lassen und durchfließen zu lassen, der uns daran hindert in diesen freien Ausdruck zu kommen. Die große Aufgabe sehe ich darin, diesen Weiten Raum in sich kennenzulernen, sich mehr darin auszukennen und navigieren zu können. Dies auch im Sinne unserer eigenen Handlungsfähigkeit und dem Erlauben unserer (erotischen) Präsenz in der Welt. 

In ihrem Essay „Uses of the Erotic: the Erotic as Power“ schreibt Audre Lourde dazu: 

The erotic is a measure between our sense of self and the chaos of our strongest feelings. It is an internal sense of satisfaction to which, once we have experienced it, we know we can aspire. For having experienced the fullness of this depth of feeling and recognizing its power, in honor and self-respect we can require no less of ourselves. (…) For the erotic is not a question only of what we do;it is a question of how acutely and fully we can feel in the doing. Once we know the extent to which we are capable of feeling that sense of satisfaction and completion, we can then observe which of our various life endeavors bring us closest to that fullness.” 

 

 

Anhang:

mehr zu Jannas Arbeit findest du hier 

https://www.schneewitta.com

mehr zu Cloés Arbeit findest du hier

https://www.cloecrettaz.com

ihttps://de.wikipedia.org/wiki/Eros_(Mythologie)

iihttps://de.wikipedia.org/wiki/Lebenstrieb

iiihttps://tibetanbuddhistsociety.org/hanging-on-to-impermanence-2/#:~:text=In%20Buddhism%2C%20impermanence%20refers%20to,constantly%20arising%20and%20passing%20away.

ivhttps://www.zeit.de/hamburg/2019-03/trauerbegleitung-trauer-verlust-sexualitaet

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